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Interview mit Andriy Maymulakhin, Nash Svit Ukraine

„Ohne eure Hilfe würden wir scheitern – und ohne uns wärt ihr schwächer.“

Mit diesen Worten beschreibt der Geschäftsführer von Nash Svit, Andriy Maymulakhin, was internationale Solidarität heute bedeutet.

 

 

Sehr geehrter Herr Maymulakhin,

 

was ist die Mission und Vision von Nash Svit? Was ist das Hauptprojekt, was sind die Hauptziele?

Nash Svit entstand Ende der 1990er Jahre als Zusammenschluss von LGBTQ*-Enthusiast*innen, die in den Prozessen der Demokratisierung, Liberalisierung und Modernisierung nach der Unabhängigkeit der Ukraine eine Chance sahen, die Lebensrealität von LGBTQ*-Personen im Land grundlegend zu verändern und zu verbessern. Im Laufe unserer Arbeit haben wir uns zunehmend auf den Schutz der LGBTQ*-Community vor Diskriminierung und Gewalt fokussiert – durch rechtliche Unterstützung und politische sowie gesetzgeberische Lobbyarbeit.

Heute sehen wir bereits erste positive Veränderungen in der Ukraine und schöpfen Hoffnung auf eine Zukunft, in der LGBTQ*-Personen ohne Angst und Diskriminierung leben können.

 

Wie ist LSBTIQ*-Aktivismus in Zeiten von Krieg, Angriffen und russischer Aggression möglich?

Es ist schon schwer genug, unter den täglichen Bedrohungen für das eigene Leben und der Sicherheit zu überleben – aber die gesamte Ukraine lebt, kämpft und entwickelt sich weiter. Der Krieg bringt enorme Herausforderungen, eröffnet aber auch Chancen für eine schnelle und tiefgreifende Modernisierung von Staat und Gesellschaft. Nach dem Motto: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“

 

Wie hat sich die Situation für LSBTIQ* in der Ukraine seit Beginn der russischen Aggression verändert?

Der Krieg hat allen Menschen in der Ukraine, auch LGBTQ*-Personen, großes körperliches und seelisches Leid zugefügt. Gleichzeitig hat er das Land gezwungen, sich eindeutig geopolitisch zu positionieren – zwischen der Zugehörigkeit zur freien, modernen Welt oder dem Verlust der eigenen Existenz.

Die Aggression durch einen der weltweit führenden Exporteure von Homo- und Transfeindlichkeit und die gleichzeitige Unterstützung durch liberale Demokratien haben selbst konservative Ukrainer*innen dazu gebracht, ihre Haltung zu LGBTQ*-Themen zu überdenken.

Mit dem EU-Kandidatenstatus eröffnen sich neue Chancen und wirkungsvolle Instrumente für den Einsatz für die Rechte von LGBTQ*-Personen. Noch nie war das gesellschaftliche und politische Klima in der Ukraine so positiv gegenüber der LGBTQ*-Community wie seit Beginn der russischen Invasion.

Einer der bedeutendsten Erfolge der letzten Jahre war das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Fall Maymulakhin und Markiv gegen Ukraine. Zum ersten Mal erkannte der EGMR (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) an, dass der ukrainische Staat die Rechte eines gleichgeschlechtlichen Paares verletzt hat, weil er ihnen keine rechtlich anerkannte Partnerschaft ermöglicht. Dieses Urteil ist ein Präzedenzfall und ein starkes Argument für unsere Forderung nach der Legalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Es zeigt: Unsere jahrelange Arbeit kann das System tatsächlich verändern.

 

Was wird derzeit am dringendsten gebraucht? Für welche Projekte und Ziele benötigt Nash Svit finanzielle Unterstützung?

In dieser extrem schwierigen Zeit kämpft Nash Svit darum, seine Kernaktivitäten aufrechtzuerhalten und unser Netzwerk an erfahrenen und engagierten Aktivist*innen zu erhalten, die verlässliche Daten für unsere Advocacy-Arbeit sammeln und Betroffenen von Gewalt und Diskriminierung zu rechtlicher Hilfe verhelfen.

Besonders gravierend ist der starke Rückgang verfügbarer Finanzierungsquellen im Jahr 2025. Seit Donald Trump in den USA erneut an die Macht gekommen ist, hat sich die amerikanische Politik gegenüber LGBTQ* radikal verändert – und unsere Finanzierung wurde gestrichen. Das hatte katastrophale Folgen für unsere Arbeit.

Ein Beispiel: Im Mai konnten wir einer trans* Frau, die in einem Club in Kiew Opfer eines transfeindlichen Angriffs wurde, keine juristische Unterstützung leisten. Schon bei der Polizei wurde sie mit Misstrauen und sekundärer Diskriminierung konfrontiert. Solche Fälle brauchen professionelle Begleitung – ohne Anwält*innen ist Gerechtigkeit kaum zu erreichen. Und dafür braucht es finanzielle Ressourcen.

 

Was gibt euch Hoffnung? Was sollten queere Menschen weltweit über eure Realität wissen – und was bedeutet internationale Solidarität für euch?

Die weltweit wachsende Welle rechten Populismus zeigt, wie wichtig internationale Solidarität und gegenseitige Unterstützung beim Schutz der Errungenschaften liberaler Demokratien sind. Wir in der Ukraine kämpfen nicht nur für unsere eigene Freiheit – wir kämpfen für eine moderne Nation, die Freiheit und Demokratie in Europa und weltweit stärkt. Ohne eure Hilfe würden wir scheitern. Ohne uns wärt ihr schwächer.

 

Wie sieht eure Vision für die Zukunft aus? Wie wird die Lage in fünf Jahren sein?

Die russische Aggression hat der Ukraine keine Wahl gelassen: Entweder schnelle und grundlegende Modernisierung – oder keine Ukraine mehr. Derzeit erleben wir in der Ukraine grundlegende positive Veränderungen in der öffentlichen Meinung zu LGBTQ*-Themen, und auch die Regierung erklärt, alle nötigen Reformen umsetzen zu wollen, um ein vollwertiges EU-Mitglied zu werden. Es ist realistisch zu erwarten, dass die Ukraine nach dem Krieg zu den liberalsten und fortschrittlichsten der postsowjetischen Staaten gehören wird – vergleichbar mit den baltischen Ländern.

Abschließend möchten wir der Hirschfeld Eddy Stiftung und dem LSVD+ unseren aufrichtigen Dank für eure Solidarität und Unterstützung in diesen schweren Zeiten aussprechen. Besonders zu Beginn des großflächigen Krieges, als unser Büro in Kiew zerstört wurde, war eure Hilfe entscheidend.

Dank euch konnten wir über 23.000 Euro sammeln – diese Mittel haben uns geholfen zu überleben, unser Team zu halten und unsere Arbeit fortzusetzen. Wir haben echte Unterstützung und Anteilnahme gespürt – das war eine enorme moralische und praktische Kraftquelle.

 

Vielen Dank für dieses Interview!

 

Zeige Solidarität und sei Teil dieses Wandels – spende jetzt und stärke queere Menschen in der Ukraine! Jeder Beitrag hilft, Leben zu schützen und Rechte zu verteidigen.

Wir leiten alle Spenden eins zu eins an Nash Svit in Kyjiv weiter; die Kolleg*innen informieren uns über die Ergebnisse ihrer wichtigen Arbeit.