Für queere Menschen beginnt wirksame Entwicklungszusammmenarbeit oft mit einem sicheren Ort: Eine Beratungsstelle, die nach einem gewalttätigen Übergriff medizinische und psychosoziale Unterstützung vermittelt. Ein Community-Zentrum, das HIV-Prävention anbietet und Menschen ohne Angst vor Diskriminierung versorgt. Eine Menschenrechtsorganisation, die Hassverbrechen dokumentiert und bedrohte Aktivist*innen rechtlich begleitet.
Millionen LSBTIAQ*-Personen haben keinen Zugang zu solchen Angebote. Wenn es sie vor Ort gibt, werden sie von kleinen lokalen Organisationen getragen, häufig unter schwierigen politischen Bedingungen, vorwiegend ehrenamtlich und begrenzten finanziellen Mitteln. Gerade dort, wo Staaten ihre Schutzpflicht nicht erfüllen oder selbst zur Bedrohung werden, sind sie oft die einzigen sicheren Anlaufstellen für Queers und können überlebenswichtig sein.
Doch genau diese Strukturen geraten weltweit immer mehr unter Druck. Während immer mehr Regierungen Gesetze gegen LSBTIAQ*-Personen verabschieden, die Arbeit der Zivilgesellschaft einschränken und demokratische Freiräume abbauen, brechen gleichzeitig internationale Fördermittel weg. Für viele Organisationen geht es deshalb längst nicht mehr um neue Projekte oder langfristige Strategien, sondern um ihre Existenz.
1 Eine weltweite Finanzierungskrise trifft ausgerechnet die Schwächsten
Der Global Resources Report 2023–2024 des Global Philanthropy Project zeichnet ein alarmierendes Bild: Weltweit fließen lediglich 4 Cent von 100 US-Dollar öffentlicher Entwicklungsleistungen in die Unterstützung von LSBTIAQ*-Rechten. Der Global Resources Report verdeutlicht das Ungleichgewicht eindrücklich: Die weltweit dokumentierte Förderung für mehr als 7.700 LSBTIAQ*-Organisationen ist geringer als die Einnahmen von nur drei großen Anti-LSBTIAQ*-Organisationen.¹
Dabei sind die Herausforderungen größer denn je: Anti-Gender- und Anti-LSBTIAQ*-Bewegungen agieren zunehmend international vernetzt, investieren erhebliche Ressourcen in Desinformation und beeinflussen politische Entscheidungsprozesse weit über nationale Grenzen hinaus. Ausgerechnet in dieser Situation verschärft sich die globale Finanzierungskrise.
Große Geberländer reduzieren ihre Entwicklungsbudgets, internationale Programme werden eingestellt und viele Förderinstitutionen müssen ihre Unterstützung zurückfahren. Besonders einschneidend sind die massiven Kürzungen der USA, die lange zu den wichtigsten staatlichen Gebern für internationale LSBTIAQ*-Förderung gehörten. Hinzu kommen Kürzungen oder angekündigte Rückgänge in weiteren zentralen Geberländern, darunter Deutschland, Großbritannien, Frankreich und die Niederlande. Die OECD spricht für 2025 von einem historischen Rückgang der öffentlichen Entwicklungsleistungen; der Global Resources Report beschreibt diese Entwicklung als Wendepunkt für die weltweite Finanzierung von LSBTIAQ*-Rechten.
2 Entwicklungszusammenarbeit schützt mehr als einzelne Projekte
Entwicklungszusammenarbeit wird häufig auf Infrastruktur oder Armutsbekämpfung reduziert. Tatsächlich leistet sie weit mehr: Sie stärkt Gesundheitssysteme, fördert Rechtsstaatlichkeit, unterstützt unabhängige Medien und trägt dazu bei, demokratische Institutionen aufzubauen.
LSBTIAQ*-Organisationen sind Teil dieser Infrastruktur. Sie ermöglichen den Zugang zu Gesundheitsversorgung, organisieren HIV-Prävention, dokumentieren Menschenrechtsverletzungen, begleiten strategische Gerichtsverfahren und schaffen sichere Räume für Menschen, die von Gewalt oder Diskriminierung betroffen sind. In vielen autoritären Staaten gehören sie zu den wenigen verbliebenen unabhängigen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen.
Wer diese Organisationen stärkt, investiert deshalb nicht ausschließlich in die Rechte von LSBTIAQ*-Personen, sondern investiert in funktionierende Zivilgesellschaft, demokratische Teilhabe und gesellschaftliche Resilienz.
3 Deutschland: großer Geber - geringe Priorität
Deutschland versteht sich seit Jahrzehnten als Verfechter einer menschenrechtsbasierten Entwicklungszusammenarbeit. Die Agenda 2030 der Vereinten Nationen und ihr Grundsatz „Leave no one behind“ gehören ebenso zu den Leitprinzipien deutscher Entwicklungspolitik wie die Förderung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten.Mit dem 2021 verabschiedeten LSBTI-Inklusionskonzept hat die Bundesregierung zudem ausdrücklich zugesagt, die Rechte und Bedürfnisse von LSBTI-Personen systematisch in der Auswärtigen Politik und Entwicklungszusammenarbeit zu berücksichtigen und entsprechende Vorhaben zu fördern. Gerade deshalb lohnt sich ein Blick auf die aktuellen Zahlen.
Deutschland gehört trotz deutlicher Kürzungen zu den größten Gebern öffentlicher Entwicklungsleistungen weltweit. Im Bereich der gezielten Unterstützung von LSBTIAQ*-Rechten bleibt das Engagement jedoch deutlich hinter vergleichbaren Staaten zurück.
Nach den aktuellen Daten des Global Resources Report 2023–2024 flossen lediglich 0,017 Prozent der deutschen öffentlichen Entwicklungsleistungen (Official Development Assistance bzw. ODA) in LSBTIAQ*-relevante Programme. Das entspricht gerade einmal 1,7 Cent pro 100 Euro Entwicklungszusammenarbeit.
Im internationalen Vergleich reicht dies lediglich für Platz 12 (von 12) unter den staatlichen Gebern. Länder wie Kanada, Großbritannien, Schweden oder die Niederlande investieren gemessen an ihrer Entwicklungszusammenarbeit ein Vielfaches mehr.
Der Bericht weist zudem auf eine Einschränkung der Datenlage hin: Für Deutschland konnten ausschließlich die gemeldeten Mittel des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie der GIZ berücksichtigt werden. Angaben des Auswärtigen Amts lagen für die Auswertung nicht vor. Selbst wenn zusätzliche Mittel berücksichtigt würden, bleibt der grundlegende Befund bestehen: Gemessen an seiner wirtschaftlichen Stärke und seinem entwicklungspolitischen Anspruch priorisiert Deutschland die Unterstützung von LSBTIAQ*-Rechten bislang nur in sehr begrenztem Umfang.
Die Hirschfeld-Eddy-Stiftung fordert deshalb, künftig mindestens 0,5 % der deutschen Mittel für Entwicklungszusammenarbeit für die Förderung der Rechte von LSBTIAQ*-Personen bereitzustellen.
Damit würde Deutschland einen angemessenen Beitrag zur Unterstützung besonders gefährdeter Gruppen leisten und gleichzeitig zu führenden internationalen Gebern aufschließen.
Andere Länder zeigen, dass es anders geht
Deutschland muss das Rad nicht neu erfinden. Mehrere europäische Partner haben LSBTIAQ*-Rechte in den vergangenen Jahren gezielt als Bestandteil ihrer Entwicklungszusammenarbeit gestärkt. Besonders deutlich zeigt dies das Vereinigte Königreich.
Während Deutschland über weitere Kürzungen diskutiert, hat das Vereinigte Königreich 2026 zusätzliche 21 Millionen Pfund für die weltweite Förderung von LSBTIAQ*-Rechten bereitgestellt.
Auch Kanada (0,240 % ODA), Schweden (0,124 % ODA) und die Australien (0,105 % ODA) investieren gemessen an ihrer Entwicklungszusammenarbeit deutlich höhere Anteile in LSBTIAQ*-Rechte als Deutschland. Diese Beispiele zeigen: Eine stärkere Berücksichtigung von LSBTIAQ*-Rechten ist keine Frage der finanziellen Möglichkeiten, sondern der politischen Prioritätensetzung.
4 Kürzungen treffen LSBTIAQ*-Communities besonders hart
Die aktuellen Haushaltskürzungen treffen LSBTIAQ*-Communities in besonderer Weise. Anders als viele andere Themenbereiche wird die Unterstützung von LSBTIAQ*-Rechten häufig nicht über eigenständige Förderprogramme finanziert, sondern über Gesundheits-, Menschenrechts-, Demokratie- und Zivilgesellschaftsprogramme sowie flexible Nothilfeinstrumente. Genau diese Bereiche stehen derzeit besonders unter Druck.
Die Folgen reichen weit über einzelne Organisationen hinaus. Gekürzt werden Programme, die
Rechtsberatung anbieten,
Menschenrechtsverletzungen dokumentieren,
sichere Räume schaffen,
psychosoziale Unterstützung leisten,
Menschenrechtsverteidiger*innen schützen oder
lokale Organisationen beim Aufbau demokratischer Strukturen unterstützen.
Für viele LSBTIAQ*-Organisationen bilden diese Programme die Grundlage ihrer Arbeit.
Auch im Gesundheitsbereich sind die Auswirkungen erheblich. Die OECD geht davon aus, dass die aktuellen Kürzungen der öffentlichen Entwicklungsleistungen insbesondere den Gesundheitssektor, Subsahara-Afrika und die ärmsten Länder der Welt treffen werden.² Internationale Entwicklungszusammenarbeit trägt dort wesentlich dazu bei, Gesundheitsversorgung und Präventionsangebote aufrechtzuerhalten. Nach Angaben von UNAIDS werden rund 80 Prozent der HIV-Präventionsprogramme in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen durch internationale Finanzierung unterstützt. Dauerhafte Kürzungen könnten bis 2029 weltweit sechs Millionen zusätzliche HIV-Neuinfektionen und vier Millionen zusätzliche AIDS-bedingte Todesfälle zur Folge haben.³
LSBTIAQ*-Communities sind von diesen Entwicklungen häufig mitbetroffen – nicht weil Gesundheitsförderung ausschließlich an sie gerichtet wäre, sondern weil sie in vielen Ländern überdurchschnittlich auf diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung, unabhängige Beratungsangebote und zivilgesellschaftliche Unterstützung angewiesen sind. Kürzungen treffen daher ausgerechnet jene Strukturen, die Teilhabe, Gesundheit und den Schutz von Menschenrechten ermöglichen.
5 Menschenrechte oder Sicherheit? Eine falsche Debatte
Die aktuelle politische Diskussion stellt Entwicklungszusammenarbeit häufig gegen Verteidigung, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit oder Haushaltsdisziplin. Menschenrechte erscheinen dabei schnell als verzichtbarer Luxus. Diese Gegenüberstellung greift jedoch deutlich zu kurz!
Gesellschaften, in denen Menschenrechte geschützt, Diskriminierung bekämpft und Zivilgesellschaft gestärkt werden, sind widerstandsfähiger gegenüber autoritärem Einfluss, Desinformation und politischer Instabilität. Entwicklungszusammenarbeit ist deshalb nicht nur Ausdruck internationaler Solidarität. Sie ist auch ein Instrument vorausschauender Außen-, Sicherheits- und Europapolitik.
Diese Einschätzung teilt auch das Europäische Parlament. In einer aktuellen Analyse weist es darauf hin, dass die weltweiten Finanzierungslücken infolge der USAID-Kürzungen von Europa allein kaum geschlossen werden können. Umso wichtiger sei es, bestehende Mittel strategisch einzusetzen und verlässliche Partnerschaften mit der Zivilgesellschaft aufrechtzuerhalten.⁴
Gerade in Zeiten wachsender geopolitischer Spannungen werden demokratische Räume zunehmend auch über Angriffe auf Frauenrechte und die Rechte von LSBTIAQ*-Personen in Frage gestellt. Wer lokale Menschenrechtsorganisationen stärkt, schützt deshalb nicht nur einzelne Communitys, sondern trägt zur Stabilisierung demokratischer Gesellschaften insgesamt bei.
6 Deutschlands Entscheidung hat Signalwirkung
Deutschland steht heute vor einer grundlegenden Frage: Welche Rolle soll Entwicklungszusammenarbeit künftig spielen? Soll sie sich auf kurzfristige Haushaltslogik beschränken? Oder bleibt sie ein strategisches Instrument, um Demokratie, Menschenrechte und stabile internationale Partnerschaften zu stärken?
Die Unterstützung von LSBTIAQ*-Rechten ist dabei kein Randthema. Sie ist ein Gradmesser dafür, ob der Anspruch einer menschenrechtsbasierten Entwicklungszusammenarbeit auch unter schwierigen politischen Bedingungen Bestand hat.
Deutschland kann den weltweiten Rückgang internationaler Entwicklungsfinanzierung nicht allein ausgleichen. Es kann aber ein deutliches politisches Signal setzen. Eine verbindliche Zielmarke von mindestens 0,5 % der Entwicklungszusammenarbeit für LSBTIAQ*-Rechte wäre ein klares Bekenntnis zu einer menschenrechtsbasierten, strategischen und zukunftsorientierten Entwicklungszusammenarbeit.
Gerade jetzt wäre ein Rückzug das falsche Signal. Während autoritäre Akteure weltweit ihre Netzwerke ausbauen und Anti-LSBTIAQ*-Narrative gezielt zur Schwächung demokratischer Gesellschaften einsetzen, sollte Deutschland seine Unterstützung für diejenigen stärken, die Demokratie und Menschenrechte täglich vor Ort verteidigen.
Deshalb unterstützen wir gemeinsam mit zahlreichen Organisationen die Kampagne „Solidarität nicht kaputtsparen“. Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe dürfen nicht weiter gekürzt werden, gerade nicht dort, wo sie Menschen schützen, demokratische Räume stärken und langfristig zu Frieden, Stabilität und Sicherheit beitragen.
Quellen
¹ Global Philanthropy Project (2026): Global Resources Report 2023–2024: Government and Philanthropic Support for Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Intersex Communities. (Seite 21) und Revenue records for the Alliance Defending Freedom and Christian Broadcasting Network retrieved from the ProPublica Nonprofit Explorer (ADF) (CBN). Revenue
records for Focus on the Family were retrieved via their financial disclosures
² OECD (2025): Cuts in Official Development Assistance.
³ UNAIDS (2025): Global AIDS Update 2025.
⁴ Europäisches Parlament (2025): The impact of USAID cuts on global development.