Zusammen für mehr Rechte von LGBTI in Kolumbien — Web-Talk mit Balanta Jaramillo

Speziell Transfrauen aber auch andere Angehörige der LGBTI-Community sind in Kolumbien alltäglich vielfältiger Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt. Darüber berichtete die Stipendiatin des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa), Mauri Balanta Jaramillo, in einem Webtalk am 12. November 2020 mit Klaus Jetz, dem Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes LSVD, an dem rund 50 Personen teilnahmen. Eigentlich hätte sie drei Monate im LSVD-Büro mitgearbeitet, das ist aber wegen der Coronapandemie nicht möglich, weshalb sie sich wöchentlich per Internet mit Jetz austauscht. Die Situation in Kolumbien kennt Balanta Jaramillo aus erster Hand, denn sie ist Bildungsreferentin und Koordinatorin des Kulturzentrums „El chontaduro“, und sie ist selbst schwarz und queer.

„El Chontaduro“ liegt in Aguablanca, einem Außenbezirk im Osten Calis. Cali ist die drittgrößte Stadt Kolumbiens und beherbergt nach Salvador de Bahia in Brasilien die größte schwarze Community Lateinamerikas. In dem Armenviertel Aguablanca stellen die Afrokolumbianer*innen die Mehrheit. Im Laufe des Konfliktes von Militär, Paramilitär und Guerilla von der pazifischen Küste des Landes vertrieben, ließen sie sich zunächst unter einfachsten Bedingungen dort nieder und sind nun (erneut) rassistischer Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt.

Nach Aussage Balanta Jaramillos werden Transpersonen im Schnitt nur 35 Jahre alt, die Zahl tödlicher Übergriffe ist hoch. Allein in diesem Jahr wurden in Kolumbien bereits 30 Transpersonen ermordet. Schlagzeilen machte der Tod von Juliana Giraldo, einer indigenen Transfrau vom Land, die im September von einem Soldaten erschossen wurde. In den letzten 27 Jahren wurden, laut der Internetplattform Colombia Diversa, insgesamt 2.013 Menschen Opfer von Gewalt gegen LGBTI, im Zeitraum von 1993 bis 2018 wurden 1.253 LGBTI umgebracht, viele von ihnen in der Provinz Valle Cauca, zu der auch Cali gehört.

„El Chontaduro“ betreibt Aufklärungs- und Sozialarbeit und fördert das kulturelle Leben des Viertels, gleichzeitig ist es ein Ort des Empowerments: „Das Kulturzentrum hat sich in eine Referenz verwandelt für justicia espacial ebenso wie für politische Emanzipation und den Kampf für die Jugend, Frauen, Diversität und verschiedene Identitäten sowie schwarze Menschen in diesem Teil Calis. Dabei stützen wir uns auf Bildung, Feminismus und Antirassismus“, erzählt Balanta Jaramillo. Sie selbst ist außerdem Teil einer Gruppe, die dort zu Intersektionalität forscht, das heißt, was es bedeutet – wie sie — gleichzeitig schwarz, queer und arm zu sein und so gleich in mehrfacher Hinsicht Ressentiments und Hass von Teilen der kolumbianischen Gesellschaft ausgesetzt zu sein.

Auch Balanta Jaramillo selbst wurde vor drei Jahren an ihrem Arbeitsplatz, einer Bibliothek, Opfer von Gewalt. Als sie danach Anzeige erstattete, wurde weder noch ihr Geschlecht vermerkt, noch dass sie schwarz ist. Insgesamt geben die kolumbianischen Statistiken wenig Aufschluss über rassistische und sexistische Gewalt und die Motive der Täter, kritisiert sie.

Widerstand und außerdem Empowerment für schwarze Menschen und / oder schwule, lesbische, bi‑, trans- oder intergeschlechtliche Personen leisten darüber hinaus landesweit diverse Kollektive. Besonders hebt Balanta Jaramillo dabei neben der Organisation „Somos identidad“ (Wir sind Identität), der afrokolumbianischen Jugendzeitschrift Matamba (https://www.flipsnack.com/MatambaRevista/10-edici-n-revista-afro-juvenil-matamba.html) und dem Künstler*innen-Zusammenschluss Colectivo Diverarte (https://www.facebook.com/diver.art.393) die Stiftung Red Comunitaria Trans (https://www.facebook.com/Red-Comunitaria-Trans-255992844505189/) hervor: „Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Einheit zwischen Transpersonen zu festigen, die von der Straße, der akademischen Warte und den sozialen Organisationen aus daran arbeiten, ein Gesetz zu schaffen (und durchzusetzen), das Transpersonen juristisch anerkennt“, erklärte sie. Seit 2011 existiere zwar mit dem Ley 1482 ein Antidiskriminierungsgesetz, das jegliche Diskriminierung unter Strafe stelle, die Realität ist jedoch immer noch eine andere.

Nach den Gründen dafür gefragt, verweist die Sozialforscherin auf das Erbe des Kolonialismus. „Der Staat selbst fördert ein traditionelles, heteronormatives Familienmodell mit allen seinen patriarchalen Werten“, erklärt sie. Dabei werde die Familie als Kern der Gesellschaft gesehen. Historische Erfahrungen und andere Modelle, etwa der schwarzen Bevölkerung, würden dagegen ausgeblendet. Einen weiteren wesentlichen Treiber sieht Balanta Jaramillo in der katholischen und apostolischen Kirche, die in den ärmeren Teilen der Bevölkerung immer noch einen großen Einfluss genießen.

Ein weiterer Hörer wollte wissen, ob sich die Situation unter dem konservativen Präsidenten Iván Duque verschlimmert habe. „Für uns, die wir diese historische Unterdrückung erleben, hat sich nicht viel geändert“, lautete die Antwort. „Allerdings zeigen uns die aktuellen Entwicklungen ein Erstarken aller Institutionen, die für Gewalt gegen uns plädieren.
 

Inge Wenzl
Inge Wenzl ist Politologin und freie Journalistin u.a. für „neues deutschland“ und „der Freitag“.

Hilferuf aus Kolumbien: "Hört auf, uns zu töten!"

Appell unserer Partnerorganisation Casa Cultural „El Chontaduro“ aus Cali, Kolumbien

Bei Protesten der vergangenen Tage in Kolumbien wurden viele Menschen von Militärpolizei und anderen Polizeikräften verletzt, misshandelt und getötet. Aus der kolumbianischen Stadt Cali erreichte uns ein Hilferuf von unserer Partnerorganisation Casa Cultural „El Chontaduro“, mit der Bitte, diesen zu verbreiten.

» Download Call (PDF)

Hier dokumentieren wir den Hilferuf auf Deutsch. Wir haben das Auswärtige Amt informiert sowie die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Bärbel Kofler gebeten, gegenüber den kolumbianischen Behörden deutlich zu machen, dass der massive Einsatz staatlicher brutaler Polizeigewalt gegen die Bevölkerung nicht hinnehmbar ist, ein massiver Verstoß gegen die Menschenrechte darstellt und vor allem nicht straflos bleiben darf!

Am Freitag, den 07. Mai gibt es auch eine Solikundgebung der Informationsstelle Lateinamerika (ILA) in Bonn. Im letzten Jahr war Mauri Balanta Jaramillo, Bildungsreferentin und Koordinatorin des Kulturzentrums „El chontaduro“ Stipendiatin des Instituts für Auslandsbeziehungen (IFA). Als Gastorganisation arbeitete der LSVD über Monate hinweg über Online-Workshops mit Mauri Balanta Jaramillo zusammen. In einem Talk berichtete sie im November 2020 zur Lage in Kolumbien. Speziell trans* Frauen, aber auch andere Angehörige der LGBTI-Community sind in Kolumbien alltäglich vielfältiger Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt.

Die neue Welle der Gewalt ist eine Reaktion des kolumbianischen Regimes auf einen Bürger*innenstreik. Dieser begann am 28. April 2021 und wir vor allem von jungen Menschen, Student*innen, schwarzen Gemeinden, indigenen, bäuerlichen und kommunalen Organisationen organisiert, die damit gegen die systematischen Ungerechtigkeiten der Regierung protestieren. Auf Befehl des Präsidenten der Republik, Iván Duque Márquez, des Verteidigungsministers und der lokalen Führer, werden die Streitkräfte zur gewaltsamen Niederschlagung des unbewaffneten und friedlichen Protests eingesetzt.

Update: In einer Pressemitteilung von Bärbel Kofler appellierte an die kolumbianische Regierung, "das Recht aller Kolumbianer auf friedliche Protestausübung zu garantieren und bei Polizeieinsätzen besonders strenge Maßstäbe an die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel anzulegen. Alle Vorwürfe über exzessiven Gewalteinsatz durch Angehörige der Sicherheitskräfte müssen lückenlos aufgeklärt und Verstöße gegen rechtsstaatliche Grundsätze rigoros geahndet werden." 

Dringender Hilferuf: "An die Völker der Welt! Von den Stimmen der Frauen aus dem Osten von Cali."

Wir schicken einen dringenden Hilferuf zur internationalen Unterstützung durch Freund*innen und Menschenrechtsorganisationen, denn der kolumbianische Staat massakriert uns. Gemeindevorsteher, Jugendliche und Minderjährige sind alle Opfer der öffentlichen Gewalt auf Befehl des Präsidenten der Republik, Iván Duque Márquez, des Verteidigungsministers und der lokalen Führer, die die Streitkräfte gegen die Demonstrant*innen des Bürgerstreiks eingesetzt haben, ungeachtet der Tatsache, dass letztere unbewaffnet sind und friedlich protestieren.

Der Bürgerstreik begann am 28. April 2021, organisiert vor allem von jungen Menschen, Student*innen, schwarzen Gemeinden, indigenen, bäuerlichen und kommunalen Organisationen, die, empört über die systematischen Ungerechtigkeiten der Regierung, ihre Stimmen erhoben und sich ihren Ängsten gestellt haben, um zu sagen: Genug! Wir protestieren, um die vorgeschlagene Steuerreform zu verhindern, die uns ausquetschen wird und uns für die Veruntreuung einer korrupten und schlechten Regierung zahlen lässt; um die Arbeitsreform zu verhindern, die die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vergrößert; um die Gesundheitsreform rückgängig zu machen, die durch die Verkleinerung und Schließung öffentlicher Krankenhäuser zu unserem Tod führen wird; und um die Rentenreform zu verhindern, die das Wohlergehen der Rentner*innen nicht fördert, sondern sie gefährdet. Wir fordern Reformen, die vom Volk und mit der Beteiligung des Volkes angegangen werden, und wir fordern den Rücktritt des Präsidenten und anderer korrupter Anführer*innen (…).

Der Staat hört nicht auf die Stimme des Volkes. Der Staat mordet nur im Namen der öffentlichen Ordnung. Mit den Worten von General Luis Fernando Navarro Giménez sind seine Polizeikräfte auf einer militärischen Hilfsmission, die darauf abzielt, Leben zu retten, Koexistenz zu ermöglichen und das Recht der Bürger*innen auf grundlegende Dienstleistungen zu schützen. Wir, Frauen aus Gemeindeorganisationen im Osten Calis, fragen den General: Wer hat die Möglichkeiten, die Sie erwähnen?

Laut den auf der Plattform GRITA erfassten Daten gab es zwischen dem 28. April und dem 3. Mai 2021 1.181 Fälle von Polizeigewalt in Kolumbien, die sich in physischer Gewalt, mörderischer Gewalt willkürlichen Verhaftungen, sexueller Gewalt und Verschwindenlassen äußerten. Im speziellen Fall von Cali hat die Zeitung "Q'hubo" in ihrer Ausgabe vom 4. Mai 2021 berichtet, dass es bereits 22 Tötungsdelikte gegeben hat.

Zwischen dem 3. Mai und den frühen Morgenstunden des Dienstag, 4. Mai, haben die Anführer*innen des Streiks Audio- und Videoaufnahmen vorgelegt, die zeigen, wie die Polizei sie mit Tränengas und Schusswaffen angreift, ungeachtet der Tatsache, dass sie unbewaffnet sind und die Hände erheben als Zeichen der Wehrlosigkeit. Diese Bilder zeigen die vielen Menschen, die verletzt und getötet wurden.

Wessen Leben retten Sie, General Navarro? Wen beschützen Sie, wenn mehr als die Hälfte der Menschen auf die Straße geht, protestiert, ihre Stimme erhebt, mit Liedern, Musik und Performances und Gerechtigkeit fordert?

Präsident, Verteidigungsminister, Gouverneur von Valle del Cauca und Bürgermeister von Cali. Sind wir Ihre Kriegsgegner*innen?

Wann werden die Hubschrauber, das Tränengas, die Maschinengewehre und die Gewehre verstummen? Hören Sie auf, uns zu töten!

Wir fordern internationale Unterstützung, denn die staatlichen Streitkräfte Kolumbiens respektieren nicht länger den nationalen humanitären Auftrag, der die soziale Mobilisierung begleitet; sie begehen Akte des Vandalismus und beschuldigen dann die protestierende Bevölkerung. Mitglieder der Polizei und der ESMAD (Escuadrón Móvil Antidisturbios) haben Häuser, Gebäude, Autos, Motorräder und sogar öffentliche Marktplätze in Brand gesetzt. In Cali z.B. brannten sie Santa Helena nieder, einen der Marktplätze, wo die armen Leute hingehen. Die Videos zeigen, dass sie schießen, um zu töten und dass sie sogar in die Häuser gehen und schießen.

Es ist dringend notwendig, dass die ganze Welt erfährt, was in Kolumbien passiert und dass sie uns hilft, unsere Gemeinden, Jugendlichen, Frauen und sozialen Anführer*innen zu schützen, die auf den Straßen dem Staatsterror ausgesetzt sind. Bitte unterstützen Sie uns, indem Sie diese Botschaften verbreiten und Medikamente zur Verfügung stellen, um die Verletzten (…) zu behandeln.

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