LSBTI-Bewegung in Honduras

Kampf gegen die Straflosigkeit der Morde an LSBTI

Schon 1899 wurden in Honduras Gesetze abgeschafft, die homosexuelle Handlungen unter Strafe stellten. Allerdings war und ist die Gesellschaft Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans* und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI) gegenüber weiterhin feindlich eingestellt.
Es gab im privaten Raum immer Gruppen von schwulen Freunden und Trans*Frauen, die Parties, Geburtstagsfeiern oder kulturelle Aktivitäten organisierten. Schwule und Lesben erfuhren Ablehnung durch die Familie, den Freundeskreis, die Gesellschaft generell. Eine Ausnahme stellten die Schönheitswettbewerbe dar, etwa der Wettbewerb zur Wahl der Miss Honduras, der zum ersten Mal in den 1970er Jahren in einem bekannten Hotel in Tegucigalpa veranstaltet wurde und aus dem Arnulfo Velásquez hervorging, ein renommierter Stylist und Besitzer des Schönheitssalons Arnulfo. Der war in jener Zeit sehr beliebt bei Frauen der High Society. Arnulfo nannte sich Alma Violeta und wurde mit beiden Namen voll akzeptiert.
In den Vereinigungen Ellos Club, Love the Kiss und Grupo Social Siglo XXI gab es keine Unterscheidung nach sozialer Klasse, ethischer Herkunft, Religion oder politischer Partei. Die Mitglieder waren vor allem schwule Männer und Trans*Frauen, sie waren nicht nur Friseur*innen oder Stylist*innen, sondern auch Dekorateur*innen, Ingenieur*innen, Mediziner*innen, Techniker*innen, Architekt*innen und auch Arbeiter*innen, Jugendliche, Erwachsene und Senior*innen. Sie alle suchten nach Treffpunkten, denn die Behörden, der soziale Druck, die LSBTI-Feindlichkeit und die Doppelmoral der Gesellschaft ließen im Stadtbild keine Bars, Diskotheken oder Schwulenkneipen zu, und die wenigen, die dennoch öffneten, wurden bald auf Anordnung der Polizei oder des Bürgermeisteramtes geschlossen, immer mit dem Hinweis auf die guten Sitten und die Moral, die durch einen Skandal gefährdet seien.
Die Wandlung von einer privaten Gruppe hin zu einer sozialen Organisation oder Nichtregierungsorganisation brachte viel Mühe und Arbeit im Hinblick auf Registrierung und Vereinsrecht mit sich. 1984 wurde in Honduras der erste Fall einer Aids-Erkrankung bekannt. Das Leben des Erkrankten, der häufig nach San Francisco in Kalifornien reiste und an der honduranischen Atlantikküste lebte, wurde in Zeitungen und Nachrichtensendungen in epischer Breite ausgerollt. Dies führte zu einem Wiederaufleben homophober Debatten, die auf religiösen Fundamentalismus zurückgingen und die sich im Gerede vom „Lohn der Sünde“ und der „Schande sündhafter Handlungen“ ergingen.
1985 wurde AHHLCOS, die Asociación Hondureña de Homosexuales en la lucha contra el Sida (Honduranischer Verband der Homosexuellen im Kampf gegen Aids) gegründet. Der Verein wurde 1995 zu Ehren von Alma Violeta in Asociación Colectivo Violeta umbenannt, denn Alma galt seit ihrem Einsatz und ihrer Unterstützung beim Aufbau der ersten Organisationen für sexuelle Vielfalt als Ikone der honduranischen homosexuellen Gemeinschaft.Honduras
Im Norden von Honduras, in der Industriehauptstadt San Pedro Sula, entstand die Asociación de Homosexuales y Lesbianas en la lucha contra el Sida (Vereinigung der Homosexuellen und Lesben im Kampf gegen AIDS). Hier beteiligten sich also lesbische Frauen aktiv. Später entstand noch die Comunidad Gay San Pedro Sula, die aus der AHHLCOS hervorging, sich jedoch 2017 auflöste, nachdem der Vorsitzende René Martinez (AHHLCOS-Gründungsmitglied) am 3. Juni 2016 entführt, gefoltert und ermordet worden war.
2004 war ein wichtiges Jahr, denn nach fast 20 Jahren des Drängens und des Kampfes, der jahrelangen Bemühungen von Anwält*innen, Lobbygesprächen und Demonstrationen vor dem Justizministerium und dem Außenministerium, letztendlich auch auf Druck der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte (IACHR) lenkte der honduranische Staat endlich ein und erkannte den Rechtsstatus der drei Vereine Asociación Colectivo Violeta, der Asociación Kukulcán und der Comunidad Gay Sanpedrana an.
Die mächtige katholischen Kirche und die Vereinigung der evangelikalen Kirchen ziehen vor Gericht, um den rechtlichen Status der LSBTI-Organisationen anzufechten. Sie äußern sich in abwertenden Worten über deren Arbeit und ergehen sich in Hasspredigten gegen die LSBTI-Bevölkerung. So gelingt es ihnen auch dafür zu sorgen, dass die Abgeordneten des Nationalkongresses der Republik Honduras Artikel 112 verabschieden, der Ehen zwischen Personen des gleichen Geschlechts verbietet und gleichgeschlechtliche Ehen aus anderen Ländern nicht anerkennt. Hinzu kommt Artikel 116, der die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare oder gleichgeschlechtliche Ehen verbietet.
Die Organisation Catrachas wurde im Jahr 2000 als Netzwerk des lesbischen Widerstands gegen die Verletzung der Menschenrechte der LSBTI-Gemeinschaft gegründet. 2003 hatte sich Catrachas bereits zu einem anerkannten und wirkungsvollen Kommunikations- und Advocacy-Netzwerk entwickelt. Seit vielen Jahren verfügt die Organisation über eine Beobachtungsstelle für gewaltsame Todesfälle von LSBTI.
Innerhalb der 2003 in Tegucigalpa gegründeten Asociación Arcoíris entsteht 2008 die Lesbengruppe Litos und im gleichen Jahr die Gruppe Ixchel innerhalb der Asociación Kukulcán. 2003 gründet sich Cozumel trans, eine Organisation von Trans*Frauen und Sexarbeiter*innen. Weitere Organisationen entstehen in den Folgejahren, auch nach dem Putsch vom 28. Juni 2009: LGBTI SOMOS CDC (Centro para el desarrollo y la cooperación LGBTI) 2009, Colectivo Unidad Color Rosa in San Pedro Sula im Jahr 2010, Movimiento Diversidad en Resistencia in 2010.
LSBTI-Personen stehen in Honduras vor großen Herausforderungen. Es fehlt an Toleranz und gesellschaftlicher Akzeptanz, viele vermeiden ein Coming out, werden aus der Familie verstoßen, haben Angst vor Stigmatisierung und erfahren Diskriminierung in der Familie, am Arbeitsplatz oder im sozialen Umfeld. Viele LSBTI flüchten sich in Alkohol, Drogen oder Selbstmord. Hinzu kommen ausufernde Gewalt durch Polizei, Militär, Drogenmafia, erzwungene Vertreibung und Migration.
Die LSBTI-Community hat bei den letzten beiden Wahlen in den Jahren 2013 und 2017, sowohl bei den Vorwahlen als auch bei den Parlamentswahlen, mit schwulen und Trans*-Kandidat*innen teilgenommen. In der Folge kam es zu körperlichen Angriffen, LSBTI-feindlichen Hassreden religiösen Fundamentalist*innen aus allen Kirchen, einschließlich der lutherischen Kirche. All das führte dazu, dass die beiden Trans*-Frauen, die bei den Vorwahlen 2013 kandidierten, ins Exil gehen mussten: Claudia Spelman lebt in New York und Arely Victoria Gómez in Spanien.
LSBTI-Organisationen verloren im Jahr 2013 einen Prozess gegen den Präsidenten der Confraternidad Evangélica de Honduras (Vereinigung der evangelikalen Kirchen in Honduras), Evelio Reyes, der in seiner Kirche einen Tag vor den allgemeinen Wahlen von 2013 dazu aufgerufen hatte, nicht für die „widerlichen, schmutzigen und unmoralischen Homosexuellen“ zu stimmen. Angezeigt hatten ihn verschiedene LSBTI-Organisationen. Die Medien stürzten sich auf diese Hasspredigt und sprachen von einem „Krieg zwischen den Homosexuellen und den Kirchen“.
Dies ist ein Aufruf zur Solidarität und zur Unterstützung. Wir LSBTI-Aktivist*innen aus Honduras wünschen uns, dass die internationale Gemeinschaft dafür Sorge trägt, dass LSBTI in unserem Land Zugang zur Gerechtigkeit erhalten, dass Verbrechen untersucht und verfolgt werden, dass die Morde an Walter Orlando Tróchez, Favio Zamora, Abel Rosales, Idania Sevilla, Erick Martínez, Vicky Hernández und vielen, vielen anderen endlich bestraft und gesühnt werden. Zwischen 2008 und 2020 gab es mindestens 356 Morde an LSBTI-Personen in Honduras, und in diesem Jahr wurden bereits 16 neue Fälle registriert, die ebenfalls straflos bleiben werden, wenn wir nicht dagegen ankämpfen.
Juli 2021

Aufgezeichnet von unserem honduranischen Kollegen und Stipendiaten José Zambrano, deutsch von Klaus Jetz (LSVD).
 

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